„Sauberes IGeln“ - was ist das?

IGEL-Leistungen gibt es in immer mehr  Praxen. Foto: Biermann Medien
IGEL-Leistungen gibt es in immer mehr Praxen. Foto: Biermann Medien

29.05.2007 KÖLN (MedCon) – Wer mit Ärzten über IGeL spricht, muss gute Nerven haben. Die Bandbreite der Reaktionen ist groß und reicht von A wie Abwehr bis Z wie Zustimmung. Empörung ruft oftmals schon die schlichte Tatsache hervor, dass das Thema IGeL überhaupt angesprochen wurde.

Wer jedoch als Arzt pauschal das Thema IGeL boykottiert, erkennt damit an:
1. Der EBM ist die oberste medizinische Autorität.
2. Neben dem EBM gibt es keine akzeptable Medizin.
3. Der Kassen-Patient hat nur Anspruch auf Medizin, die wirtschaftlich und notwendig ist.
4. Mehr bekommt er nicht, auch wenn er dafür selber zahlen will.

Welche Medizin sich hinter IGeL im Einzelfall verbirgt, ist immer Sache des einzelnen Mediziners und des einzelnen Patienten, denn „I“ steht für individuell. Ein Stück medizinische Wahl-Freiheit also, auf das der Bundesausschuss keinen Einfluss hat. Wer IGeL grundsätzlich ablehnt, beschränkt ohne Not die eigenen Wahl-Möglichkeiten und vor allem diejenigen des Patienten. Eine fast kommunistisch angehauchte Einstellung: Auch wer finanzielle Mittel für die eigene Gesundheit einsetzen will und kann, bekommt nicht mehr, als derjenige, der dazu nicht bereit ist.

Zum Glück denken nicht alle so, denn längst bieten Krankenkassen ergänzend zum EBM ihren Versicherten medizinische Wahlmöglichkeiten und Gesundheitsförderung, z.B. durch regelmäßige Bewegungsprogramme und Ernährungsberatung – meist unter zumindest teilweiser Übernahme der Kosten. Was jedoch auffällt: In der Regel sind in diese Programme keine Ärzte eingebunden. Die Inhalte dieser Programme gestalten andere – und streichen dafür auch die finanzielle Gegenleistung von Kasse und Patient ein.

Den finanziellen Problemen der GKV zum Trotz: Der Gesundheitsmarkt ist ein Boommarkt. In kaum einer anderen großen Branche sind die Wachstumsraten so hoch, wie im Bereich der Gesundheitsleistungen. Wachstum entsteht nur dort, wo Nachfrage ist. Dies ist im Bereich von Medizin und Gesundheit der Fall. Profiteure sind derzeit jedoch nicht die Ärzte, die vielfach alleine auf das angestammte, aber zunehmend von Leistungsbegrenzung und Budgetierung gekennzeichnete GKV-Segment setzen. Erst diese Untätigkeit gibt unseriösen Anbietern den notwendigen Raum und ist mitverantwortlich dafür, dass Patienten außerhalb des EBM-Bereiches weitgehend ohne Orientierung sind und manchem Scharlatan aufsitzen. Aber: Dies ist kein Makel der IGeL-Idee an sich, die stets so gut ist, wie der medizinische Sachverstand des einzelnen.

Selber besser machen heißt daher die Devise. „Sauberes IGeLn“ heißt einerseits, die Grenzen des EBM zu beachten, um die knappen GKV-Mittel für die Versorgung schwerer Fälle zu schonen. „Sauberes IGeLn“ heißt andererseits, die eigene ärztliche Kompetenz und Erfahrung eigenverantwortlich und ohne Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebotes der GKV den Patienten, die diese Kompetenz für sich nutzen wollen, verfügbar zu machen. „Sauberes IGeLn“ heißt, eine nützliche Untersuchungs- oder Behandlungsmethode den Patienten zugänglich zu machen, obwohl Sie nicht (!) wirtschaftlich ist. „Sauberes IGeLn“ heißt auch, eine vom Bundesausschuss anerkannte Untersuchungs- und Behandlungsmethode einzusetzen, obwohl beim Patienten die erforderliche Indikation nicht (!) vorliegt (z.B. Knochendichtemessung ohne vorliegende Fraktur).

„Sauberes IGeLn“ steht damit immer auf dem Boden der persönlichen medizinischen Erfahrung und Überzeugung des einzelnen Arztes, nicht auf dem Boden der Entscheidungen des Bundesausschusses und damit auch nicht auf dem Boden von wirtschaftlichen Erwägungen. Mit dem Begriff IGeL soll also die Medizin gerade vom stets präsenten Diktat des Wirtschaftlichkeitsgebotes befreit werden. Wer diesen Freiraum nutzt, um die gerade befreite Medizin nun dem eigenen Wirtschaftlichkeitsgebot zu unterwerfen, offenbart damit die eigenen Prioritäten. Ein grundsätzlicher Mangel am Prinzip der „Individuellen Gesundheitsleistung“ kann daraus aber nicht abgeleitet werden.

Die pauschale Abwehr des IGeL-Themas entsteht häufig vor einem anderen Hintergrund. Das Thema ist neu und schwierig. Immerhin muss im Anschluss an die genutzte medizinische Wahlfreiheit mit Geld hantiert werden. Was die Gefahr mit sich bringt, der Patient könnte die in bester Absicht ausgeführte Wunsch-Behandlung nicht aus medizinischen Erwägungen, sondern aus Profitgier empfohlen und ausgeführt haben. In der Tat ein schwieriges Problem, das nicht dadurch leichter wird, dass sich die IGeLaktiven Ärzte auch von den eigenen Kollegen ähnliche Vorhaltungen machen lassen müssen.

Der einzige Ausweg besteht darin, für sich selber klare Grenzen zu ziehen. Die oberste und einzige Instanz ist die persönliche medizinische Kompetenz und Erfahrung. Die eherne Grundregel für alle IGeL-Angebote in der Praxis lautet daher: „Bieten Sie nur an, wovon Sie medizinisch überzeugt sind.“ Wenn Sie diesem Anspruch vor sich selber treu bleiben, verliert das IGeL-Thema viel von seinem Schrecken. Genau dies ist es auch, was sich Ihre Patienten von Ihnen erhoffen. In Patienten-Befragungen gibt mittlerweile die überwiegende Mehrheit der Befragten an, für solche sinnvollen ärztliche Leistungen auch eigenes Geld zu bezahlen.

„In der Kürze liegt die Würze“ sagt ein altes Sprichwort. Gerade beim Angebot von Selbstzahlerleistungen ist dies ein weiteres Erfolgsgeheimnis. Zwei bis drei Leistungen außerhalb des EBM sollten für den Anfang genügen. Denn Erfolg entsteht nur, wenn das für Patienten und Ärzte ungewohnte IGeL-Angebot sorgfältig und regelmäßig entwickelt wird. Nur so ist auch vermittelbar, dass es sich wirklich um sinnvolle Ergänzungen handelt, die angeboten werden. Fristen diese sinnvollen Ergänzungen aber ein Schattendasein als Wartezimmer-Flyer, leidet die Glaubwürdigkeit bei den Patienten massiv.

Welche ergänzenden medizinischen Leistungen außerhalb des EBM in die eigene Praxis passen, hängt neben der eigenen medizinischen Erfahrung vor allem auch von der Patientenschaft ab. Alter und Indikations-Spektrum geben klare Hinweise, in welchen Feldern ein Engagement gut angenommen wird. Je nach Patientenstruktur kann ein ergänzendes medizinisches Angebot z.B. die Themen Gesundheits-Check, Betreuung von Freizeitsportlern, Ernährung und Gewichtsabnahme oder auch alternative Heilmethoden umfassen.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.

Neuen Kommentar schreiben