Zunehmende Antibiotika-Resistenzen läuten Renaissance patientenindividueller Impfstoffe ein

Das Therapeutikum ist nicht als Massenproduktion erhältlich, sondern wird individuell angefertigt. (Bildquelle: UniVaccin®)
Das Therapeutikum ist nicht als Massenproduktion erhältlich, sondern wird individuell angefertigt. (Bildquelle: UniVaccin®)

08.09.2008 – HAMBURG (yg) – Penicillin galt seit seiner Entdeckung vor 65 Jahren als Wunderwaffe gegen Infektionskrankheiten. Heute stumpft diese Waffe ab. Mit einem neuen Therapieansatz hat Dr. Ralf Thrull eine wirksame Alternative gegen unterschiedlichste Infekte entwickelt, wie der Mediziner am 5. September in Hamburg auf einer Pressekonferenz von Pohl-Boskamp berichtete.

Waren 1948 nur drei Prozent der Staphylococcus aureus-Stämme gegen Penicillin resistent, sind es heute bereits bis zu 80 Prozent. Um Patienten mit Harnwegsinfektionen, Furunkel, Akne und anderen Indikationen auch zukünftig wirksam behandeln zu können, sind daher neue Therapieansätze nötig. Vor diesem Hintergrund - und auch aus ganz privaten Gründen -entwickelte Dr. Ralf Thrull aus Itzehoe ein neues Therapieverfahren gegen Infektionen. Der ehemalige Laborarzt stützte sich bei seiner Forschung auf Verfahren, die sich seit 100 Jahren bewährt haben und wurde dabei vor allem durch seine unter Akne leidende Tochter motiviert.

In seinem Verfahren namens UniVaccin® werden für jeden Patienten individuell maßgeschneiderte und erregerspezifische Impfstoffe hergestellt. Dazu benötigen die Wissenschaftler eine Blutprobe des Patienten. "Im Univaccin®-Labor werden die patientenindividuellen Erreger unter Reinraumbedingungen klassifiziert, isoliert und als Reinkultur kultiviert. Anschließend werden die Erreger schonend - ohne toxische oder potenziell allergisierende Zusätze wie Formaldehyd oder Phenol - inaktiviert. Die Impfung selbst erfolgt in einer Serie mit ansteigender Wirkstoffkonzentration - intrakutan bei grampositiven Keimen bzw. subkutan bei gramnegativen Bakterien", erklärte Dr. Ralf Thrull, Gründer und Geschäftsführer von Univaccin® in Itzehoe. Das Autovakzin kann als Alternative oder Ergänzung zur Antibiotikatherapie eingesetzt werden.

Mögliche Indikationen für das Therapieprinzip sind chronische oder chronisch-rezidivierende Infektionskrankheiten des Urogenitaltraktes (z.B. Harnwegsinfektionen), der Haut, des Nasenrachenraumes und der Atemwege. Dr. Thrull und Dr. Oliver Nolte aus Nußloch empfehlen diese Therapie nach zum Beispiel drei bis vier Furunkel-Episoden mit identischem Erreger, der nicht auf Antibiotika anspricht. Sobald drei Episoden einer Harnwegsinfektion pro Jahr auftreten, sollte laut Dr. Pramod M. Shah (Frankfurt), ehemaliger Präsident der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, zunächst mit Antibiotika behandelt werden und erst bei gleichbleibenden Beschwerden mit gleichem Erreger das Autovakzin verabreicht werden. Eine sofortige Anwendung sei auch möglich, aber nicht ratsam, da diese Leistungen bislang noch nicht von allen Kassen unterstützt würden und damit zu kostenintensiv seien. Bei Kindern ab einem Jahr sei die Therapie unbedenklich, da das Immunsystem ab diesem Alter ausgereift sei, so Dr. Thrull weiter.

Eine verschwenderische Anwendung der ehemaligen Allheilmittel Penicillin und Co. ist problematisch: "Höherer Verbrauch und längere Anwendung von Antibiotika erhöhen das Risiko der Resistenzbildung", sagte Dr. Shah. "Die Erreger-Empfindlichkeit sinkt, wenn der Antibiotika-Gebrauch steigt." So sprachen 1988 nur vier Prozent der Gruppe-A-Streptokokken nicht auf Erythromycin an - zwei Jahre später waren es schon 24 Prozent. Und im Jahr 2001 waren bereits fast 50 Prozent der E.coli-Erreger unempfindlich gegen Ampicillin, mehr als jeder dritte dieser Erreger war nicht mehr durch Amoxicillin-Clavulansäure hemmbar, und mehr als jeder zehnte E.coli-Stamm war unempfindlich gegenüber Ciproflaxin. 17 Jahre früher, im Jahr 1984, waren nur 20 Prozent der E.coli-Stämme unempfindlich gegen Ampicillin. Bei Ciproflaxin und Amoxicillin-Clavulansäure traten kaum oder keine Resistenzen auf.

"Inzwischen werden Stimmen laut, die das Ende der antibiotischen Ära und das neue Zeitalter der Immunmodulation postulieren", sagte Dr. Oliver Nolte (Nußloch). Ein führender Vertreter dieses Therapieprinzips ist der erregerspezifische und patientenindividuelle Impfstoff UniVaccin®.

Das Autovakzin aktiviert nach der Injektion dendritische Zellen. Im Gegensatz zu anderen Therapieformen, die nur ein begrenztes Standardspektrum der gängigen pathogenen Keime abdecken, gewährleistet das Therapeutikum eine erregerspezifische und patientenindividuelle Immunantwort. Laut Dr. Thrull konnte die neue Therapie etwa 90 Prozent Heilungserfolge erzielen. Nebenwirkzungen traten keine auf.

Die Kosten für die Keimbestimmung der Blutproben werden von den Krankenkassen übernommen. Die etwa acht erforderlichen Injektionen müsse der Patient jedoch mit bis zu je 50 Euro, bisher meist selbst zahlen, so die Experten. Die Wirkungsdauer des Autovakzins gibt Dr. Nolte mit bis zu fünf Jahren an. Ein Heilungserfolg sei häufig aber schon nach einem Jahr aufgetreten, wie Dr. Shah berichtet. Seiner Meinung nach wäre ein viel längeres Follow-up erforderlich, um mehr über die Langzeitwirkung der Anwendung zu erfahren.

Pressekonferenz von Pohl Boskamp in Hamburg, 5. September 2008
Weitere Informationen: www. Infektionstherapie.de

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